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Jüdisches Leben in Pankow

Vom Anbeginn zum Neubeginn

Ausstellung

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Fachkompetenz in Medizin und Wirtschaft

Für die meisten Pankower, für ihren täglichen Bedarf an medizinischer Betreuung, handwerklichen Diensten und an Einkaufsmöglichkeiten, gab es bis 1933 kaum Unterschiede zwischen christlichen und jüdischen Ärzten, Handwerkern und Händlern. Wichtig waren das Können und die Qualität der Leistungen. Beispiele aus der umfassenden jüdischen Ärzteschaft, für bekannte jüdische Produktionsbetriebe sowie für Handel und Gewerbe im Bezirk Pankow werden vorgestellt.
Dr. Karl Birnbaum (1878 - 1950) war ein hochqualifizierter Neurologe und Psychiater von Weltrang. 1930 wurde er zum Ärztlichen Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Buch berufen. Als Jude ist er gleich nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 entlassen worden und als Professor an der Berliner Universität in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden. 1939 emigrierte er in die USA, wo er in seinem Fachgebiet weiterhin tätig sein konnte.
Alte Postkarte mit Foto von der Heil- und Pflegeanstalt Buch
Dr. Hugo Liepmann (1863 - 1925) war einer von mehreren jüdischen Nervenärzten in Pankow. Ihm gehörte das Grundstück in der Breiten Straße 46, später auch Nummer 47. Seine Dissertation über den Säuferwahnsinn hatte er bereits 1894/95 verteidigt und der galt als bedeutender Gehirnforscher. In leitenden Stellungen war er an führenden psychiatrischen Einrichtungen tätig.
Dr. Max Markus (1888 - 1951) war ein beliebter Arzt in Buchholz, viele Kinder der Umgegend kamen mit seiner Hilfe zur Welt. Während des Novemberpogroms 1938 wurde er in das KZ Sachsenhausen eingeliefert und musste sich zum Verlassen Deutschlands verpflichten. Er floh nach England und eröffnete dort, nach Rückkehr von seiner Internierung in Australien, eine neue Praxis.
Impfschein für Dieter Geisthardt
Die Markus-Villa in der Berliner Straße 16. Am 9. November 1994 wurde eine Nummern-Straße in Buchholz nach Max Markus benannt.
Dr. Fritz Bleichröder (1875 - 1938) mit seiner Frau Ellie. Er war der einzige aus der traditionsreichen Bankiersfamilie, der den Beruf des Mediziners wählte. Mit seiner Frau und drei Kinder wohnte er auf einem Grundstück in der Breiten Straße 33. Tätig war der Internist und Herzspezialist zuletzt als Medizinischer Direktor des Städtischen Krankenhauses in der Gitschiner Straße.
Titelblatt seiner Dissertation
Dr. Georg Benjamin (1895 - 1942) setzte sich stets für eine soziale Durchdringung des städtischen Gesundheitswesens ein. Als hauptamtlicher Schularzt im Wedding forderte er wirksamere Vorbeugungsmaßnahmen sowie die Verbesserung des Gesundheitsschutzes und der Schulhygiene. Augrund seines politischen Engagements als kommunistischer Sozialpolitiker wurde er vom Bezirksamt Wedding entlassen. Sein Leben endete im Konzentrationslager Mauthausen.
Der Arzt und Schriftsteller Alfred Döblin (1885 - 1957), hier mit Pflegerinnen der 3. Irrenanstalt in Buch, war dort von 1906 bis 1908 als Assistenzarzt tätig.
In seinem berühmten Roman "Berlin Alexanderplatz" (1929) nimmt er Bezug auf seine Erfahrung bei der Arbeit im "festen Haus" wenn er seine Hauptgestalt Franz Biberkopf begleitet: "Als er zwei Tage die Nahrung verweigert hat, fährt man ihn nach Buch heraus, in die Irrenanstalt, auf das feste haus. ... Die Anstalt Buch liegt ein Stück hinter dem Dorf, das feste Haus liegt außerhalb der der Häuser der anderen, die nur krank sind und nichts verbrochen haben."
Der Zahnarzt Dr. Karl Jalowicz (1879 - 1952) wohnte in der Berliner Straße 2, er war Direktor der Städtischen Schulzahnklinik in Berlin-Mitte. "Die Nazizeit hat er dadurch überlebt, dass seine Frau keine Jüdin war, er in so genannter Mischehe lebte", erzählt seine Nichte Marie Simon. Das bewahrte ihn jedoch nicht vor der Diskriminierung in der Nazizeit, er musste demütigende Zwangsarbeit unter anderem auf den Rieselfeldern leisten.
In der Mittelstraße 6-8 , Nordend, stand das Krankenhaus von Dr. Wilhelm Dosquet (1859 - 1935), das nach der erzwungenen Entlassung Carl von Ossietzkys aus dem KZ Papenburg-Esterwegen im Hinblick auf seine Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis für diesen zum Refugium geworden war. der jüdische Arzt hatte ihn in seiner Klinik aufgenommen, in der er klinische Heilmethoden für Lungenkranke durch klinische Freiluft-Behandlung anwandte.
Dr. Dosquet war Carl von Ossietzky zum Freund geworden, wie er ihm schrieb. Hier bei einem Besuch in der nahen Wohnung der Schwiegertochter Frau Dosquet, wenige Wochen bevor er am 4. Mai 1938 verstarb.
Dr. Max Singermann (1890 - 1937) hatte seine Praxis als Facharzt für Haut- und Harnleiden in der Breiten Straße 24. Im Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde führte er Kindersprechstunden durch und betreute auch die Waisenhauszöglinge in Pankow. Familie Singermann bei der Goldenen Hochzeit der Eltern Karl und Philippine 1934 in der Kavalierstraße 12. Letzte Reihe 2. v. r. Dr. Max Singermann, 4. v. r. mit dem Kind auf dem Arm sein Bruder Felix, der Rabbiner.
Dr. Markus Israelski (1863 - 1922) hatte seine Wohnung und Praxis in der Kaiser-Wilhelm-Straße 85 (heute Dietzgenstraße). Seine Tochter Ruth Israelski erzählt: "Vater war wegen seines Alters im Ersten Weltkrieg nicht eingezogen und zeitweise der einzige Arzt in Niederschönhausen. nachmittags und abends war er immer mit dem Fahrrad zu Patienten bis nach Buch und Karow unterwegs. ... Er war auch Hausarzt im Jüdischen Taubstummenheim."
Dr. Israelski bei einem ärztlichen Hausbesuch (r.)
Die Zigarettenfabrik Garbáty gehörte zu den wichtigsten Arbeitgebern in Pankow. Bereits 1898 erhielt der Firmengründer Josef Garbáty-Rosenthal das Patent für das eingetragene Warenzeichen. Ein Jahr später kaufte er 901 Quadratmeter unbebautes Ackerland in der Hadlichstraße, obwohl die Firma erst 1906 nach Pankow übersiedelte.
Firmenbriefe
Die Fabrik - Ansicht Berliner Straße
Josef Garbáty-Rosenthal mit den Söhnen Eugen (l.) und Moritz, um 1920. Die Firma Garbáty hatte sich im Verlaufe der Jahre von der manuellen Fertigung zu einem technisch modernen, auf mechanischer Fließbandarbeit basierenden Betrieb entwickelt, der auch in Zeiten der großen Arbeitslosigkeit um 1930 noch etwa 1.600 Arbeitern einen sicheren Arbeitsplatz und vorbildliche hygienische und soziale Bedingungen liefern konnte.
Engelhardt-Brauerei
Ignatz Nacher, hier mit seiner Familie um 1916, wurde 1910 Direktor des Werks in der Thulestraße. Der Pankower Betrieb war Hauptbraustätte für die Malzbierproduktion seit 1905. Nacher arbeitete sich zum Generaldirektor und Vorstandsmitglied der Engelhardt-Brauerei AG empor. In dieser Funktion war der jüdische Geschäftsmann 1933 für den Nazistaat untragbar. Nach bösartigen Intrigen und Verleumdungen fand man Gründe, ihn von seinem Posten abzusetzen und seinen gesamten Aktienbesitz zu rauben. Er starb kurz nach seiner Ausreise in die Schweiz.
Georg Herrmann: Lehrzeugnis. Seinen 1910 in Weißensee gegründeten Maschinenbetrieb hatte Georg Herrmann einige Jahre später nach Niederschönhausen in die Buchholzer Straße verlegt. Das Lehrzeugnis für Gerhard Zadek wurde im Dezember 1938 ausgestellt und von Bruno Priebe, den durch die Nazis im bereits "arisierten" Betrieb eingesetzten Betriebsführer, unterschrieben. Georg Herrmann wurde als Eigentümer ausgeschaltet, enteignet und vier Jahre später mit seiner Familie nach Riga deportiert.
Bezugschein für Jüdische Winterhilfe. Paul Latte betrieb auf einem großen Gelände in der Buchholzer Straße 23-31 einen Flaschengroßhandel. Begonnen hatte er als Händler mit gebrauchten Flaschen.
Selma und Paul Latte. Die Nichte Ursel Hofstädter schreibt aus Israel: "Paul Latte hatte keine Kinder. Wir, Nichten der Selma, wuchsen bei ihm auf. ... 1938 wurde ihm alles enteignet, er zog nach Hermsdorf. Im Dezember 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert, wo er am 24. Januar 1943 starb, seine Frau Selma hat ihn dort um einige Monate überlebt."
Margarete Jany vor ihrem Laden in der Florastraße 48 mit ihren Kindern Elfriede, Käthe und Max, 1924
Pankower Markt, 1903. Karl-August Borchardt erzählt: "Zum Pankower Markt gehörte auch ein Stoffmarkt, wo neben dem Pfarrhaus überdachte Stände aufgebaut waren. Hier gab es auch jüdische Händler, so zum Beispiel Herrn und Frau Trichter, die mit Kleidung, Stoffen und Kurzwaren handelten. Dienstags und freitags waren sie auf dem Markt und man konnte preiswerte Kleidung kaufen. Frau Trichter hatte immer eine Nähmaschine dabei, und so konnte sie dann gleich kleine Änderungen vornehmen. Wir sind gern zu Trichters gegangen."
Zur Mahnung und in Erinnerung an den antijüdischen Pogrom vom 9. November 1938